Vor 110 Jahren wurde in Deutschland die Sommerzeit eingeführt

20. Mai 2026

Zweimal im Jahr sind wir gezwungen, etwas zu tun, was vielen unter uns gar nicht gefällt: wir müssen uns einer staatlicherseits verordneten Zeitumstellung beugen.

Ist das wirklich nötig, oder könnten diese Zeitumstellungen wieder abgeschafft werden? Wissenschaftler, Medien und Politiker beschäftigen sich schon länger mit dieser Frage. Dabei wurden viele Argumente für und gegen die Umstellung vorgebracht. Trotzdem ist kein Ende in Sicht.
Wer jetzt allerdings über die Zeitumstellung stöhnt, ahnt vermutlich nicht, wie gut es uns heute geht. Denn bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gingen die Uhren in jedem größeren Ort des Deutschen Reiches anders. Mittag war immer dann, wenn die Sonne am höchsten stand und entsprechend waren die Kirchturmuhren eingestellt. Schlugen die Glocken zum Beispiel in Berlin mittags 12-mal, war es in Frankfurt (Main) erst 11:41 Uhr. Selbst zwischen Halle und Erfurt betrug die Zeitdifferenz noch 4 Minuten. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts störte das allerdings keinen Menschen, denn ohne Telefon, Internet und schnelle Verkehrsverbindungen waren diese Zeitdifferenzen unwichtig. Das änderte sich erst, als die ersten Eisenbahnlinien entstanden, die mehrere Staaten miteinander verbanden. Die Lösung war zunächst die Einführung von Einheitszeiten für die Eisenbahn, die entlang der Bahnlinien galten und sich meist an der jeweiligen Zeit in den Hauptstädten orientierten. Schließlich wurde 1884 auf der Internationalen Meridiankonferenz in Washington empfohlen, ein System aus 24 weltweiten Zeitzonen einzurichten. Während einige europäische Länder die Empfehlung bald umsetzten, dauerte es in Deutschland noch einige Jahre länger. Erst am 1. April 1893 trat hier ein Gesetz zur „Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung“ in Kraft, wodurch die Mitteleuropäische Zeit jetzt in ganz Deutschland galt. Die Umsetzung dieses Gesetzes ging allerdings schleppend voran, von Naumburg ist überliefert, dass erst 1932 alle öffentlichen Uhren die Mitteleuropäische Zeit anzeigten.

Inzwischen gab es zur „Zeitfrage“ neue Überlegungen. Im Naumburger Tageblatt war Anfang April 1916 zu lesen: „Es ist schon vielfach angeregt worden, eine Einsparung an Beleuchtungskosten und eine auch in gesundheitlicher Beziehung förderliche größere Anpassung der Lebensweise an die Zeit des Tageslichts herbeizuführen, dass für die Zeit etwa vom 1. April bis 1. Oktober die Uhrzeit um 1 Stunde vorgerückt und erst mit dem Beginn der kürzeren Tage wieder um 1 Stunde zurückverlegt wird. Es würde dann an den jetzt auch im Sommer bei künstlichem Licht verbrachten späteren Abendstunden überall täglich eine Lichtbrennstunde erspart werden. Der Gedanke der Einführung der sogen. Sommerzeit hat bis jetzt keinen allgemeinen Anklang gefunden. Neuerdings ist der Gedanke jedoch besprochen und hervorgehoben worden, welche großen Ersparnisse an Beleuchtung sich hierdurch zugunsten der gesamten Volkswirtschaft erzielen ließen.“

Reichsgesetz1916Und tatsächlich wurde schon einen Tag später bekannt: „Nach einer amtlichen Meldung aus Berlin hat der Bundesrat am 6. April 1916 beschlossen, dass in der Zeit vom 1. Mai bis zum 30. September 1916 anstelle der mitteleuropäischen Zeit, die in Deutschland durch das Reichsgesetz vom 12. März 1893 eingeführt ist, als gesetzliche Zeit die mittlere Sonnenzeit des 30. Längengrades östlich von Greenwich gelten soll. Das bedeutet, dass die Uhren für diese Zeitspanne um eine Stunde vorzustellen sind. Demgemäß wird der 1. Mai 1916 bereits am 30. April 1916 nachmittags 11 Uhr beginnen, der 30. September 1916 aber um eine Stunde verlängert werden, damit am 1. Oktober 1916 die mitteleuropäische Zeit wieder in Kraft treten kann. Unser ganzes öffentliches Leben wird sich demnach vom 1. Mai an bis zum 1. Oktober um eine volle Stunde früher abspielen.“

Einen maßgeblichen Anteil am Zustandekommen dieses Beschlusses soll der Hamelner Ziegeleibesitzer und Großkaufmann Hermann Rese gehabt haben, dessen Petition zur Einführung der Sommerzeit Gehör fand und bis zum besagten Bundesrat, der Vertretung der Fürsten im Kaiserreich, gelangte, der wiederum dank des Ermächtigungsgesetzes vom 4. August 1914 am Parlament vorbei eine Verordnung zur Zeitumstellung in Kraft setzten konnte.

Weiter informierte das Tageblatt: „Der oft erörterte Zweck der Maßnahme ist, wie in einer amtlichen Berliner Meldung dargelegt wird, die bessere Ausnutzung des Tageslichts und die gerade im Kriege erwünschte Ersparnis an Rohstoffen und Erzeugnissen für Beleuchtungszwecke. Da sich die geschäftlichen sowohl wie die privaten Lebensgewohnheiten der Bevölkerung nicht nach dem wechselnden Eintritt des Sonnenauf- und -untergangs richten, sondern ganz überwiegend an feste Tagesstunden gebunden sind, lässt sich jenes Einsparungsziel nur durch die Umstellung der Uhr in der vollkommensten und allgemein wirksamsten Weise erreichen. Insbesondere wird sich der städtische Verkehr weniger lange in den dunklen Abendstunden abspielen. Die Schwierigkeiten, die sich aus der Zeltverschiebung für das internationale Verkehrswesen ergeben, haben — zumal während des Krieges — keine entscheidende Bedeutung, vielleicht darf man auch hoffen, dass verbündete und neutrale Staaten sich zu gleichem Vorgehen entschließen.“ Und so kam es auch. Nach dem Vorbild des Deutschen Reiches und Österreich‑Ungarns führten 1916 vor allem weitere europäische Staaten die Sommerzeit ein, darunter u. a. Großbritannien und Irland, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Italien, Portugal sowie mehrere skandinavische Länder.

Über die Nacht, in der die Sommerzeit begann, berichtete das Naumburger Tageblatt: „Die neue Sommeruhr verdrängte dies Jahr den Hexenspuk der Walpurgisnacht, denn die mitternächtige Stunde blieb ungelebt, und der voreilige Mai zwackte dem April eine Stunde seines Daseins ab. Wehmütig ob der verkürzten Sitzung schoben die trinkfrohen Zecher die Zeiger ihrer Uhren, als sie auf der Elf standen, bis zur Zwölf neuerer Zeit vor und erhoben sich eiligst, um die Polizeistunde nicht zu überschreiten. Die zahlreichen Theaterbesucher warteten fiebernd das Ende der Vorstellung ab, um dann schleunigst nach dem Markte hinauszustürzen, wo sie den Stundenruck an der Rathausuhr beobachten wollten. Vorsichtige Leute leben schon seit gestern Abend nach neuer Uhr, d. h. sie gaben sich eine Stunde früher der Bettruhe hin als sonst, und begannen auf diese Weise schon gestern mit der Lichtersparnis. Dafür konnten sie heute morgen im Beruf die Kollegen auslachen, die verschlafen zur Arbeit kamen. Dass uns gerade jetzt zur herrlichen Maienzeit, die kriegswirtschaftliche Maßnahme zwingt, früher mit unserem Tagewerk zu beginnen, erleichtert den Sieg über die Langschläferei bedeutend, denn es gibt nichts schöneres, als in einen taufrischen, sonnigen Maimorgen hinein zu schreiten.“

Rathaus UhrDoch nicht alle waren von der Sommerzeit so begeistert. Ihre Einführung stieß bei vielen Bevölkerungsgruppen, vor allem in ländlichen Regionen und bei Arbeitern, auf Skepsis und Widerstand. Bauern und Landwirte kritisierten, dass sich ihre gewohnten Rhythmen, wie Melkzeiten, Feldarbeit nach Sonnenstand, Vieh‑ und Pflanzenzüchtung usw. nicht nach der „neuen“ Uhrzeit verschoben; die Sommerzeit erschien ihnen deshalb als unnötig. Viele Arbeiter verspürten die Umstellung als zusätzlichen Druck, weil die „Zeitgewinn“‑Begründung für spätere Feierabende genutzt wurde.
Anders sahen das vor allem Unternehmer. Bei einer Befragung einer größeren Anzahl verschiedenartiger Unternehmungen der Industrie und des Handels durch die Handelskammern, insbesondere zu ihren bisherigen Erfahrungen in Bezug auf die Einwirkung der Sommerzeit auf den Gesundheitszustand der Angestellten, ergab sich, dass sich die Einführung der Sommerzeit bewährt habe und die Einrichtung auch in künftigen Jahren gewünscht wird.
Gegen die Beibehaltung der Sommerzeit waren eine ganze Reihe von Handwerkskammern, die als Hauptgrund anführten, dass die Vorverlegung der Stunden für ländliche Verhältnisse nicht zweckmäßig sei.

Trotzdem gab es auch 1917 und 1918 im deutschen Kaiserreich wieder die Sommerzeit. Allerdings wurden Anfang und Ende jeweils um zwei Wochen vorverlegt.
Nach dem Ende des deutschen Kaiserreiches und der Gründung der Weimarer Republik stand eine Entscheidung über die Fortführung der Sommerzeit an. Ein entsprechender Antrag wurde auch in die Nationalversammlung eingebracht, diese entschied sich aber am 11. April 1919 „mit überwältigender Mehrheit aus fast allen Parteien“ dagegen, weil, wie ein Abgeordneter erklärte, „außer dem Reichskohlenkommissar kein Mensch in Deutschland die Sommerzeit will“.

Wieder eingeführt wurde die Sommerzeit erst am 1. April 1940. 2 Uhr nachts wurden die Uhren um eine Stunde vorgestellt. Im Naumburger Tageblatt stand dazu: „Wenn wir jetzt im Kampf um unsere Zukunft auch das Sonnenlicht mobil machen, hat das seine guten und wohlerwogenen Gründe. Wir sparen Material, Geld und Zeit! Hoffen wir, dass unser Bundesgenosse Sonne es nach dem dunklen Winter recht gut mit uns meint!“
Eigentlich sollte diese Sommerzeit am 6. Oktober 1940 enden, aber vier Tage vor ihrem Ablauf wurde sie per Verordnung auf unbestimmte Zeit verlängert. Schließlich endete sie am 2. November 1942. Auch 1943 und 1944 gab es wieder die Zeitumstellung von Ende März/Anfang April bis Anfang Oktober. Für das Jahr 1945 war der Beginn auf Anfang April gelegt und kein Ende verordnet.

Mit der Kapitulation Hitlerdeutschlands endete in Europa am 8. Mai 1945 der 2. Weltkrieg. An die Stelle der ehemaligen deutschen Reichsregierung trat ein von den vier Besatzungsmächten eingesetzter Alliierter Kontrollrat. Dieser bestand aus den Militärgouverneuren der vier Besatzungszonen. Er erließ sogenannte Kontrollratsgesetze und andere Direktiven, die für alle Besatzungszonen galten und über die einstimmig entschieden werden musste. Konnte man sich nicht einigen, hatte jeder Militärgouverneur das Recht, in seiner Zone eigene Entscheidungen zu treffen. So geschah es u. a. mit der Festlegung, welche Zeit gelten sollte, was ein „Zeitchaos“ zur Folge hatte. In den Westzonen endete die Sommerzeit 1945 am 16. September, in der sowjetischen Zone und Berlin erst zwei Monate später. Zwischenzeitlich gab es im Osten vom 24. Mai bis zum 24. September auch eine mitteleuropäische Hochsommerzeit (MEHSZ), die mit der Moskauer Zeit übereinstimmte, die Uhren also zwei Stunden vorgestellt werden mussten.
1946 ging die Sommerzeit in allen Zonen vom 14. April bis zum 7. Oktober, 1947 vom 6. April bis 5. Oktober. Dazwischen galt allerdings in ganz Deutschland vom 11. Mai 1947 bis zum 29. Juni 1947 die mitteleuropäische Hochsommerzeit (plus 2 Stunden).
Nachdem vom 18. April 1948 bis zum 3. Oktober 1948 und vom 10. April 1949 bis zum 2. Oktober 1949 wieder die Sommerzeit galt, einigten sich die Bundesrepublik Deutschland und die DDR in ihrem Gründungsjahr 1949 darauf, die alljährliche Uhrumstellung zu beenden. Von da ab gab es bis 1979 in beiden Staaten keine Sommerzeit mehr.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde 1978 die erneute Einführung der Sommerzeit beschlossen, um sich den westlichen Nachbarländern anpassen, die bereits 1977 als Nachwirkung der Ölkrise von 1973 aus energiepolitischen Gründen die Sommerzeit eingeführt hatten. Da man sich mit der DDR über die Einführung der Sommerzeit einigen wollte, trat der Beschluss jedoch erst 1980 in Kraft, nachdem in der DDR mit Verordnung vom 31. Januar 1980 „zur besseren Ausnutzung der Tageshelligkeit für die Produktion und die Freizeitgestaltung der Bürger“ auch die Sommerzeit vom 6. April bis zum 28. September festgelegt worden war. Weil die DDR im Herbst 1980 plötzlich verkündete, die Sommerzeit wieder abschaffen zu wollen, da sie keine wirtschaftlichen Vorteile, sondern nur zusätzliche Kosten gebracht hatte, kam es zu einigen Irritationen zwischen den beiden deutschen Staaten. Man blieb dann aber doch bei der vereinbarten Vorgehensweise, legte aber gemeinsam den Beginn auf den letzten Sonntag im März und das Ende auf den letzten Sonntag im September.

Schließlich wurden 1996 die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der Europäischen Union mit der Einführung einer gemeinsamen europäischen Sommerzeit vereinheitlicht. Seitdem dauert die Sommerzeit in Deutschland einen Monat länger; sie endet nun am letzten Sonntag im Oktober.

Das ist allerdings noch nicht das Ende der Geschichte. Denn eigentlich sollte die Zeitumstellung schon längst der Vergangenheit angehören. Im Jahr 2018 hatte die EU-Kommission nämlich vorgeschlagen, die jährliche Zeitumstellung abzuschaffen und den Mitgliedstaaten zu erlauben, entweder die Sommer‑ oder die Winterzeit dauerhaft beizubehalten. Ein Jahr später unterstützte das Europäische Parlament diesen Vorschlag und setzte 2021 als Termin für eine Entscheidung. Doch die Mitgliedstaaten können sich bis heute nicht einigen.

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