Ohne Werbung geht es nicht
12. Februar 2026
Heutzutage wird man überall, sowohl im öffentlichen Raum, als auch in allen Massenmedien mit Werbung konfrontiert. Diese dient, gemäß Definition, unserer „sowohl gezielten und bewussten als auch indirekten und unbewussten Beeinflussung zu meist kommerziellen Zwecken".
Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen damit leben. Doch das mussten auch schon unsere Vorfahren, denn Werbung ist keine Erfindung dieses Jahrhunderts. Wenn man vor 200 Jahren das Naumburger Kreisblatt aufschlug, konnte man z. B. folgendes lesen: „Anzeige: Neue holländische Heringe hat wieder erhalten Lieskau“, oder „Von dem bekannten Denstorffschen Glanzwichspulver, das keiner, auch noch so sehr angepriesenen Stiefelwichse an Güte nachsteht, hat Unterzeichneter vom Verfertiger ein Commissionslager erhalten und ist beauftragt, solches zu den billigsten Preisen zu verkaufen. L. Bartenstein auf dem Topfmarkt.“ Kaum zu glauben, aber das waren die Anfänge von Werbung in unserer damaligen Lokalpresse. Man musste im Kreisblatt schon genau hinsehen, um diese Werbung zu entdecken, denn sie war in gleicher Schriftart und -größe gedruckt, wie der andere Text auch.
Doch die Werbung in Zeitungen begann noch viel früher. Als im Jahr 1650 in Leipzig mit den „Einkommenden Zeitungen“ zum ersten Mal eine Tageszeitung mit sechs Ausgaben pro Woche erschien, soll die auch schon von Händlern für Werbezwecke genutzt worden sein. Anfangs ging es dabei wohl nur um einfache Produktankündigungen z. B. für Bücher, Arzneimittel oder Waren, später dann auch bald um konkrete Verkaufsangebote.
Mit der Anzeigenwerbung ließ sich eine Menge Geld verdienen. Das erkannte auch König Friedrich Wilhelm I., weshalb er die Werbung in „normalen“ Tageszeitungen 1727 verbot, um selbst das Geschäft damit zu machen. Die ab 1727 in Preußen erscheinenden sog. „Intelligenzblätter“, amtliche Mitteilungsblätter, erhielten das Anzeigenmonopol für das jeweilige Verbreitungsgebiet. Andere Publikationen durften Anzeigen erst veröffentlichen, wenn sie bereits im jeweiligen Intelligenzblatt veröffentlicht waren. Auch in Naumburg wurde ein solches, „dem Fiskus gehörige Intelligenzblatt, das einen gewissen Insertionszwang [Anzeigenmonopol] für sich geltend machte“ herausgegeben.
Das erklärt wohl auch, dass im Naumburger Kreisblatt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur wenig Werbung zu finden war. Hier zwei weitere Beispiele, 1830: „Mein vollständiges Lager aller Sorten Branntweine aus der Fabrik des Herr Fürstenberg aus Halle setzt mich in den Stand, meinen Abnehmern das Quart [ein knapper Liter] zu 7½ und 10 Sgr. verkaufen zu können und außerdem gebe ich dem, der mindestens einen Eimer voll nimmt, 10 Prozent Rabatt. F. H. Fromm, gr. Jacobsgasse Nr. 219“. Oder 1848: „Geräucherter Lachs, das Pfund zu 20 Sgr., frische Bücklinge und Lachsheringe sowie Messinaer Apfelsinen und grüne Pommeranzen, sind eben angekommen bei W. Reinhart in der Salzgasse.“
Im Ergebnis der Revolution von 1848 wurde neben der Versammlungs- und Vereinsfreiheit u. a. auch die Pressefreiheit durchgesetzt und zwei Jahre später endete auch das Anzeigenmonopol. Ab 1850, so ist in der Naumburger Zeitungsgeschichte zu lesen, wurde „die Zeitung um so reicher an Anzeigen, weil der Zwang, gewisse Anzeigen auch in dem fiskalischen wenig verbreiteten ‚Intelligenzblatt‘ erscheinen zu lassen, nunmehr wegfiel.“ Wenn man in den alten Zeitungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blättert, findet man das bestätigt. Die ständig verbesserte Drucktechnik erlaubte nun auch den Einsatz unterschiedlicher Schriftarten und -größen, so dass die Werbung in der Zeitung nicht mehr zu übersehen war.
Wenn auch bis ins 20. Jahrhundert Zeitungen das wichtigste Werbemedium blieben, kamen im Laufe der Jahre andere Mittel hinzu. So wurden im öffentlichen Raum ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Plakate zu Werbezwecken eingesetzt. Eine Idee des Berliner Druckereibesitzers Ernst Litfaß trug erheblich zur Verbreitung der Werbung mit Plakaten bei. Er bekam vom Berliner Polizeipräsidenten 1854 die Genehmigung zur Aufstellung sog. „Annonciersäulen“ und sicherte sich dafür von der Stadt Berlin ein bis 1865 gültiges Monopol mit der Verpflichtung, stets die neuesten Nachrichten zu publizieren. 1855 standen zunächst einige Dutzend Säulen in Berlin. In den folgenden Jahren wuchs die Anzahl deutlich, weil Polizei und Stadtverwaltung sie als Mittel gegen wildes Plakatieren und zur Kontrolle öffentlicher Bekanntmachungen schätzten. Nach dem Tod von Ernst Litfaß im Jahre 1874 verbreiteten sich die Litfaßsäulen, wie sie ihm zu Ehren noch heute genannt werden, in ganz Deutschland.
Weniger berühmt als Ernst Litfaß ist sein vier Jahre älterer Bruder Franz, der über 30 Jahre in Naumburg gewirkt hat. 1845 übernahm der gelernte Buchdrucker die Druckerei seines im gleichen Jahre verstorbenen Schwiegervaters Karl August Klaffenbach, nachdem er dessen Tochter Emilie geheiratet hatte. Karl August Klaffenbach begründete 1812 das "Naumburger Wochenblatt", in dem in jener Zeit neben amtlichen Bekanntmachungen hauptsächlich Beiträge zur Heimatgeschichte veröffentlicht wurden. Vielleicht durch den Erfolg seines Bruders Ernst angeregt, hatte Franz Litfaß die Idee, Werbung auf transportablen Säulen zu machen, fand dabei aber bei den Naumburgern wenig Interesse. 1862 ließ er stattdessen Anschlagkästen an den Straßenecken anbringen, in denen hinter Drahtgittern täglich Anzeigen angeklebt wurden. 1875 starb er und erlebte damit nicht mehr den Einzug der ersten Litfaßsäulen seines Bruders Ernst in Naumburg. Das geschah Mitte 1897. In diesem Jahr gab die Stadt auch eine „Polizeiverordnung, betreffend das öffentliche Plakatwesen“ heraus. Danach war es nur erlaubt, öffentliche Anzeigen an die zu diesem Zwecke bestimmten Vorrichtungen zu befestigen. Gleichzeitig wurde eine Gebührenordnung dafür bekannt gegeben. Noch jetzt stehen 24 Litfaßsäulen im Naumburger Stadtgebiet.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden auffällige Firmenschilder, bemalte Hausfassaden und dekorierte Eingänge genutzt, um auf bestimmte Waren und Dienstleistungen im Straßenbild aufmerksam zu machen. Es entstanden Schaufenster mit großen Glasscheiben zur Präsentation der Waren, mit Beleuchtung und geschickter Dekoration versuchte man, Passanten anzuziehen und zum „Schaufensterbummel“ einzuladen. Mit Zeitungsannoncen wurden Angebote, Öffnungszeiten, Sonderverkäufe oder neue Sortimente kundgetan, mit zunehmenden typografischen Effekten und grafischen Elementen. Je größer, häufiger und auffälliger solche Anzeigen waren, umso höher war der Wiedererkennungswert. Neue Ideen dafür waren ständig gefragt.
Und so ließ sich der Kaufmann Albert Michalowski im Jahr 1900 etwas besonderes einfallen: er warb in Reimen. Am 15. März verkündete er im Kreisblatt zunächst mit einer halbseitigen Anzeige die Eröffnung eines Kaufhauses für Herren- und Knaben-Bekleidung mit dem Namen „Kaufhaus Prophet“ in der großen Wenzelsstraße 8. Drei Tage später folgte seine erste gereimte Annonce: „Gruß an Naumburg! An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn; doch auch Naumburg sieht am Rande man gedeihen flott und blühn; schon seit vielen hundert Jahren man von Naumburg rühmend spricht, drum als Gruß soll es erfahren heut mein erstes Leitgedicht. Oftmals wirst du hier mich schauen, Kleidung preis' für Kind, Greis, Mann, (doch für Männer nur, nicht Frauen) ich in Sang und Liedern an; mögen Naumburgs Bürger alle mich besuchen Groß wie Klein, denn ich werd' in jedem Falle hoch reell und billig sein.“
Reichlich anderthalb Jahre lang erschienen immer wieder, insgesamt 89 solcher gereimten Anzeigen, alle vermutlich bewusst in Form von Litfaßsäulen, den gerade erst neu eingeführten Werbeträgern, gestaltet. Hier einige weitere Beispiele:
„Mein Lied! Ich bin ein freier Mann und singe von Liebesglück, von Mondenschein; von Politik und sonstge Dinge, kurzum was grad mir fallet ein. Ich sing' vom Schnee und auch vom Regen, vom Osterfest, von teurer Zeit; fürs Kaufhaus zum Prophet tu pflegen das Lied ich, dem ich mir geweiht. Drum tön hinein in alle Kreise du Lied vom Kaufhaus zum Prophet, und zaubre durch die billgen Preise, dass recht viel Kundschaft uns erfleht! O dring' hinein in alle Herzen, präg ein die Firma Jedermann; dann schwinden alle Kleiderschmerzen, weil jeder billig kaufen kann!“
Festtage, wie Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Weihnachten waren für Albert Michalowski natürlich besondere Anlässe zu reimen: „Osterfest! Du nahst dich wieder, läutest uns den Frühling ein; lass mich darum meine Lieder, dir, o Fest der Freude, weih'n; frei von Arbeit, frei von Plagen, frei von allen Alltagsmüh'n, woll'n den Osterfeiertagen fröhlich wir entgegen ziehn. Lass uns Ostern froh genießen, einmal kann nur Ostern sein; soll die rechte Freud' ersprießen Mann der Arbeit, kleid' dich fein! Hier das ‚Kaufhaus um Propheten‘ soll die rechte Quell dir sein, brauchst dazu nicht viel Moneten, denn spottbillig kaufst du ein.“
Aber auch zu den verschiedenen Jahreszeiten hatte er stets Sprüche parat: „Frühlingsanfang! Süßes Hoffen zieht in jedes Menschen Brust; in der Erde sanftes Regen; Vöglein singt bald voller Lust. Bald wird die Natur sich schmücken überall mit zartem Grün; auch im Menschen regt sichs wieder, Frühjahrssachen anzuziehn. Wenn der März bald an der Wende, gibts ein Halten nimmermehr; jeder will das Beste zeigen zu des Frühlings Wiederkehr. Selbst im ‚Kaufhaus zum Propheten‘ drängt sich alles, Klein und Groß, weil dort billig sind die Preise, elegant die Paletots!“
Im Jahr 1900 war es nach einem heißen Sommer den Rest des Jahres mild und warm. Erst am letzten Tag des Jahres fiel der erste Schnee. Michalowski dazu: „Ein solcher Herbst ward schon seit Jahren in Naumburg hier nicht mehr geseh'n, man konnt' den Überzieher sparen, im Sommerrock spazieren gehn; im Blumenschmuck prangt Flur und Auen noch im Oktober herbstlich schön, und überall konnt' man noch schauen die Damen flott per Taille gehn. Doch bald kann über Nacht es kommen, weit schneller oft als man es glaubt, dass diese Freude uns genommen, dass Baum und Strauch steht kahl entlaubt; dann sucht man auf die billige Quelle in Winterkleidung hochfamos, dann ist's ‚Kaufhaus Prophet‘ die Stelle, wo man kauft gerne Paletots.“
Zu politischen Themen hatte der Inhaber des „Kaufhauses Prophet“ auch etwas beizutragen. Als zum 1. Oktober 1900 ein neues Ladenschlussgesetz in Kraft treten sollte, reimte er: „Heut geht die Frage: Wann schließen wir, im Reiche von Mund zu Munde, und ob am besten sich eignet dafür die acht oder neunte Stunde. Die Folgen des frühen Schlusses stell'n sich später ein allerwegen; dann werden wir unser Urteil fäll'n, und ob es gereichte zum Segen. …“ Oder als Graf Bülow am 17. Oktober 1900 Reichskanzler wurde: „Ein neuer Kanzler in deutschen Reich! Der Alte ist gerne gegangen, das war ein überraschender Streich, vorbei nun das Hangen und Bangen; das gibt im herrlichen Reichstagssaal bald hochbedeutsame Stunden, denn statt des Alten hat sich einmal ein jüngerer Kämpfer gefunden. ...“
Offenbar hatte das Werbekonzept Erfolg, denn einmal stand in einer Annonce: „Ja, ja, wer hätte das gedacht, als hier das Kaufhaus aufgemacht, dass diese Firma unbeirrt hier solchen Aufschwung nehmen würd'? …“
Dieser Erfolg war es vermutlich auch, weshalb sich Albert Michalowsi einen Umzug seines Kaufhauses vom eher unbedeutenden Standort Wenzelsstraße in die Jakobsstraße leisten konnte. Im „Roten Hirsch“, der späteren Hirsch-Passage mietete er sich ab 1901 ein. Ende 1900 verkündete er einen Räumungsverkauf: „Das ‚Kaufhaus Prophet‘ wirkt für's Volk gar stetig unverdrossen, drum ward ein ‚Räumungs- Ausverkauf‘ zu arrangier'n beschlossen; und daran hat man recht getan jetzt bei den schlechten Zeiten, da kann sich nun der schlichteste Mann eine Weihnachtsfreud' bereiten. …“
Am 26. Juni 1901 erschien die letzte gereimte Anzeige Michalowskis in Form einer Litfaßsäule. Weshalb er dieses Werbekonzept aufgab ist nicht bekannt. Vielleicht hatte er gar nicht selbst gereimt und sein(e) Reime-Schreiber(in) war nicht mehr verfügbar? Danach ähnelten seine Anzeigen jedenfalls denen seiner Mitbewerber. Dennoch konnte er sich offenbar am Markt behaupten, wie die Naumburger Adressbücher zeigen. Hier ist bis zu der Ausgabe von 1937/38 der Eintrag „Albert Michalowski, Kaufmann, Schönburger 19a, Herren- und Knaben-Bekleidung, gr. Jakobsstraße 31“ enthalten. In der nächsten Ausgabe 1939/40 wird nur noch „Michalowski, Anna, Ww. [Witwe], Geschäftsinhaberin“ genannt.
Soweit der Rückblick. Mit Werbung werden wir wohl immer leben müssen, wobei die Entwicklung schon längst in Richtung digitaler Werbeformen vorangeschritten ist. War es noch 1990 die Online Werbung, so entstand ab 2005 durch den Boom der sozialen Netzwerke das Social Marketing und ab 2010 das Influencer Marketing. Mal sehen, was als nächstes kommt.
|
|